Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hier finden Sie Antworten auf Fragen, die uns immer wieder gestellt werden rund um das Projekt Fluss.Frei.Raum, um die Renaturierung von Bächen und Flüssen sowie um den Rückbau von Querbauwerken.
Oft gibt es keine einfachen Antworten – kontroverse und differenziert zu betrachtende Themen werden im Projektverlauf in Fachgesprächen und Studien diskutiert und in unserer Öffentlichkeitsarbeit dargestellt.
Grundlagen & Ziele
Renaturierung bedeutet für uns, einen Bach oder Fluss wieder in einen möglichst naturnahen Zustand zu bringen. Das heißt: Uferbefestigungen werden zurück gebaut, Ufer naturnah gestaltet, der Fluss mit seiner Aue verbunden und Hindernisse wie Wehre entfernt, damit das Wasser wieder frei fließen kann. Durch Strukturelemente wie Totholz und Steine entstehen vielfältige Strömungsmuster. Ziel ist es, Lebensräume für typische Tier- und Pflanzenarten wiederherzustellen und miteinander zu vernetzen, die Wasserqualität zu erhöhen und dem Bach seine natürliche Dynamik zurückzugeben – für die Natur und für uns Menschen.
Frei fließende Bäche und Flüsse sind echte Multitalente: Sie schaffen Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten, reinigen auf natürliche Weise das Wasser und helfen vernetzt mit ihren Auen dabei, Hochwasserfolgen bachabwärts abzumildern. Auch für uns Menschen sind sie wertvoll, denn sie bringen Abkühlung an heißen Tagen, regulieren den Grundwasserstand, tragen zum Klimaschutz bei und dienen als Ort der Erholung.
Ein natürlicher Bach fließt frei, schlängelt sich durch die Landschaft und bietet Tieren und Pflanzen ein vielfältiges Mosaik an Lebensräumen. Er ist reich strukturiert, weist Bereiche mit starker oder weniger starker Strömung auf, ist mal flacher und mal tief und hat Platz zum Ausbreiten bei Hochwasser. Ein verbauter Bach dagegen verläuft oftmals begradigt, mit gleichbleibender Tiefe und Strömung und befestigten Ufern. Sein Querschnitt erinnert an den einer Badewanne. Sein Lauf wird durch Querbauwerke wie Wehre und Abstürze unterbrochen. Diese Barrieren verhindern, dass Fische wandern können. Es entstehen künstliche Staubereiche, typische Gewässerlebensräume gehen verloren. Ein von vielen Barrieren in seinem Lauf gebremster Bach ist am Ende kein Fließgewässer mehr, sondern eine Aneinanderreihung von Stillgewässern.
Der Begriff „natürlich“ wird im Wasserbau als Abgrenzung zu „künstlich“ neu angelegten Fließgewässern genutzt – hier bezeichnet man einen unverbauten, vom Menschen nicht oder kaum veränderten Bach als „naturnah“.
Mit rund 100.000 Kilometern an Bächen und Flüssen ist Bayern ein wasserreiches Land, gleichzeitig verpassen vier von fünf der untersuchten Fließgewässer den von der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie geforderten „guten ökologischen Zustand“. Eine hohe Dichte an fast 57.000 Querbauwerken verändert die Lebensräume in und entlang der Fließgewässer (siehe Der ökologische Zustand der Flüsse in Bayern 2025). Mit den Maßnahmen in Fluss.Frei.Raum wird Bayern zur Modellregion für das Vernetzen von Lebensräumen in Fließgewässern.
Das Projekt wird gefördert im Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums. Die Verbundprojektpartner WWF Deutschland, BUND Naturschutz in Bayern, Landesfischereiverband Bayern, Bayerischer Kanu-Verband und Landschaftspflegeverband Rhön-Grabfeld steuern Eigenmittel bei.
Fluss.Frei.Raum läuft über sechs Jahre von 2024-2030.
Im Projekt wird über verschiedene Maßnahmen der Rückbau von Barrieren in Bächen und Flüssen angeschoben – unter anderem durch Beratung zu den vorhandenen Finanzierungsoptionen für Renaturierungsmaßnahmen. Projektintern sind Mittel für den Rückbau von Barrieren an drei festgelegten Standorten vorgesehen.
Querbauwerke & Biodiversität
Ein Rückbau schafft wieder freie Wege im Bach – vor allem für Fische, die für die Nahrungsaufnahme, zum Schutz vor Feinden, Hochwässern oder Dürreperiode bzw. zum Laichen wandern müssen. Aber auch viele andere Tiere und Pflanzen profitieren: Der Bach beginnt wieder zu fließen und nimmt auch abgelagerte Sedimente wieder mit, das Wasser klart auf, das Leben kann zurückkehren. Natürliche Lebensräume können sich entwickeln, die vorher durch Barrieren verdrängt oder beeinträchtigt waren. Ein frei fließender Bach bietet den charakteristischen Arten wieder einen Lebensraum – und macht das Gewässer widerstandsfähiger gegenüber Klimaveränderungen.
In Bayern wandern mehrere Fischarten, vor allem Huchen, Bachforellen, Äschen und Barben. Diese Fische ziehen für die Fortpflanzung in die kühleren Oberläufe oder andere geeignete Gewässerabschnitte. Ihre Wanderungen sind zwingend notwendig, um die Arterhaltung zu sichern, die ökologische Balance aufrechtzuerhalten und die genetische Vielfalt zu fördern. Im Umkehrschluss bedeutet das: Werden Fische am Wandern gehindert, sterben sie langfristig aus. Diesen bereits einsetzenden Trend wollen wir umkehren.
Fischaufstiegsanlagen an Wehren werden dafür gebaut, Fischen das Aufwärtswandern im ansonsten versperrten Bachlauf zu ermöglichen. Vielerorts funktioniert das je nach Zielart erfolgreich – bei mangelnder Wartung oder niedrigen Wasserständen können die Anlagen ihre Funktion aber oftmals nicht erfüllen. Bei einem weiteren Aspekt der Durchgängigkeit – dem ungehinderten Abstieg von Fischen und dem Transport von Kies und Sand bachabwärts – helfen Fischtreppen nicht weiter. Zudem bringen Fischtreppen nicht die natürlichen Lebensräume zurück.
Querbauwerke im Bach verlangsamen die Strömung, je nach Art des Bauwerks und Gefälle des Gewässers entstehen lange Staubereiche mit stehendem Wasser. Das Fließgewässer ähnelt an diesen Stellen mehr einem Teich. Feine Sedimente lagern sich ab und verstopfen das Kieslückensystem am Bachgrund. Die Wassertemperatur in flacheren Stauungen erhöht sich ungesund, der Sauerstoffgehalt nimmt ab. Durch die hohen Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft bilden sich in den Staubereichen oftmals Algen. In Bayern mangelt es nicht an Seen und Teichen – dagegen sind gerade die Tiere und Pflanzen stark gefährdet, die kühles, frei fließendes Wasser zum Leben benötigen. Für diese Arten muss wieder mehr Lebensraum geschaffen werden.
Inwieweit und für welche Tiere Biberdämme eine Barriere darstellen, ist immer im Einzelfall zu betrachten. Dies hängt stark von den Gegebenheiten vor Ort ab, insbesondere davon, wieviel Eigendynamik ein Bach oder Fluss mitbringt. Durch seine wirkungsvollen Eingriffe in die Ökosysteme von Bächen und Flüssen ist der Biber Gegenstand vieler Diskussionen. Diesem Austausch wird im Projektverlauf Raum gegeben.
Es wird oftmals vermutet, dass Abstürze und Wehre die flussaufwärts gelegenen Lebensräume vor dem Eindringen invasiver Arten wie etwa dem Signalkrebs bewahren. Diese Art aus Nordamerika verdrängt die heimischen Krebsarten und ist zudem resistent gegenüber der Krebspest, welche heimischen Krebsarten meist den Tod bringt. Mittlerweile weiß man, dass es vielerorts nur eine Frage der Zeit ist, bis der Signalkrebs die Barrieren überwindet. Für deren sicheren Schutz der letzten heimischen Krebsbestände helfen daher insbesondere eigens entwickelte Krebssperren (Informationen zu Krebsen beim Bayerischen Landesamt für Umwelt).
Wasserhaushalt & Klimawandel
Zwar halten Wehre noch Wasser im schmaler werdenden Rinnsal des Baches – aber dieses Wasser ist kein „wertvoller“ Lebensraum. Stehendes Wasser erwärmt sich schneller, kann dann weniger Sauerstoff halten oder sogar ganz „umkippen“ – damit ist dieses Stauwasser kein geeigneter Lebensraum für die meisten Tiere im Bach. Raum zum Überleben in Dürreperioden bieten kühlere, schattige Gewässerstrecken und Stellen, wo an sogenannten „Cold Spots“ kühleres Grundwasser in den Bach strömt. Diese erreichen die Gewässerlebewesen nur dann, wenn ihnen keine Barrieren den Weg versperren.
Bei jeder Rück- oder Umbaumaßnahme wird vorab von fachkundigem Personal geprüft, ob negative Auswirkungen auf den Hochwasserschutz zu befürchten sind, was in jedem Fall zu vermeiden ist. Ein punktueller Hochwasserschutz durch die Schaffung von Stauräumen ist nur dort wirksam, wo große Mengen an Wasser zurückgehalten oder umgeleitet, und Stauhaltungen entsprechend reguliert werden können. Die Stauräume vor den Wehren an kleineren Bächen und Flüssen halten jedoch keine nennenswerten Wassermengen zurück. Wo Bäche wieder verlängert werden, und mit ihrer Aue verbunden sind statt verbaut und kanalisiert zu fließen, können sich Hochwasserwellen dort in die Wiesen verteilen, wo keine Siedlungen sind und sie keinen Schaden anrichten. Dadurch werden sie gebremst, in ihrer Höhe reduziert und so ihre Folgen für die Unterlieger abgemildert.
Hier muss man sich den Einzelfall ansehen: Wo sich bisher hinter einem Wehr in flacher Landschaft noch über Kilometer bachaufwärts das Wasser staute, kann ein Wehrrückbaubau den Grundwasserspiegel verändern. Im Unterlauf des Wehres, in dem sich das Gewässer häufig eingetieft hat, kann ein Rückbau den Grundwasserspiegel ebenso beeinflussen. In Folge können die direkt umliegenden Auwiesen trockener oder auch feuchter werden oder auch Schäden an Gebäuden entstehen, wenn das Wasser wieder ungehindert fließen darf. Daher sind hydrologische Gutachten in Planungsprozessen oftmals eine wichtige Voraussetzung für den Rückbau von Barrieren.
In einem nach langer Trockenphase ausgetrockneten Bach lebt kein Fisch mehr. Regnet es wieder und steigen die Grundwasserstände wieder an, beginnt das Wasser wieder im Bach zu fließen. Fische können hierher zurückkommen, wenn das Bachsystem insgesamt ausreichend vernetzt und durchgängig ist, um den Tieren das Wandern zu ermöglichen. Für die „Resilienz“ eines Ökosystems – also die Fähigkeit, sich nach klimatischen Stressphasen wieder zu erholen – ist die Vernetzung von Lebensräumen ein wichtiger Faktor.
Wo Wasser bewegter fließt, hat es mehr Austauschfläche mit der Luft und kann mehr Sauerstoff aufnehmen. Dies geschieht bei über eine Kante stürzendem Wasser genauso wie in Wasser, das mit höherer Strömung über Steine fließt, wie etwa in Sohlgleiten. Diese werden gerne als Höhenausgleich dort gebaut, wo Barrieren verschwinden. Zudem werden mit dem Rückbau von Barrieren strömungsarme Staubereiche im Bach aufgelöst, die sich negativ auf die Wasserqualität auswirken, weil sich das Wasser im Staubereich schneller erwärmt und so weniger gelösten Sauerstoff halten kann als kühleres Wasser.