Alte Dämme, neue Risiken

10 Gründe, warum Europas Flüsse dringend mehr Freiheit brauchen

Wehrrückbau an der Weiler Mühle

Der Klimawandel bringt Europa zunehmend an seine Grenzen: Extremwetter wie Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen nehmen zu – und ein „Weiter so“ ist keine Option mehr. Wir müssen lernen, mit der Natur zu arbeiten, statt gegen sie.

Ein besonders wirksamer Ansatz ist der Rückbau ungenutzter Barrieren wie alter Dämme und Wehre. Europa hat bereits über 8.000 solcher Querbauwerke in 27 Ländern entfernt – ein Trend, der wächst.

Hier sind zehn Gründe, warum das Entfernen veralteter Barrieren eine kostengünstige, nachhaltige und sichere Maßnahme für Menschen, Flüsse und Klima ist.

1.

Alte Barrieren: Hohe Risiken, hohe Kosten

Viele europäische Dämme und Wehre sind 50 bis 100 Jahre alt – und damit für heutige Extremwetter nicht ausgelegt. Ihre Stabilität nimmt ab, die Gefahr von Dammbrüchen steigt.

Die Folgen können dramatisch sein:
– Beim Bruch des französischen Malpasset-Staudamms starben 421 Menschen.
– Rund um den Whaley-Bridge-Damm in England mussten 1.400 Menschen evakuiert werden.
– Ähnliche Vorfälle gab es in Spanien, Rumänien und Italien.

Um die Sicherheit zu gewährleisten, müssten unzählige Anlagen aufwendig saniert werden – oft teurer, als sie ganz zurück zubauen. Gerade bei Barrieren ohne funktionalen Nutzen ist der Rückbau häufig die sicherere und wirtschaftlichere Lösung.

2.

Stauseen verstärken Trockenheit – statt sie zu lindern

Wasserknappheit nimmt in vielen Regionen Europas zu. Paradox: Stauseen, die eigentlich Wasser speichern sollen, verstärken den Mangel flussabwärts.

Sie bremsen den Abfluss, halten Wasser zurück und entziehen Landschaften dort Feuchtigkeit, wo sie ebenfalls dringend gebraucht wird. Der sogenannte Reservoir-Effekt verschärft das Problem: Wo scheinbar viel Wasser verfügbar ist, steigt auch der Verbrauch – und im Ernstfall die Abhängigkeit.

Natürliche Speicher wie Moore, Auen und Feuchtgebiete sind dagegen deutlich effizienter: Sie halten Wasser in der Landschaft, speisen Grundwasser und stabilisieren Ökosysteme.

Sylvensteinsee-Stausee-

3.

Verdunstung: Unsichtbarer Wasserverlust in Stauseen

Stauseen verlieren enorme Wassermengen durch Verdunstung – sowohl an der Oberfläche als auch in den Zuleitungskanälen. In heißen Regionen erreichen diese Verluste kritische Werte.

In den letzten 30 Jahren haben 53 % der größten natürlichen Seen und Stauseen weltweit an Wasservolumen verloren – vor allem durch Verdunstung.

4.

Barrieren trennen Flüsse von ihren Auen und Grundwasserspeichern

Wenn Sedimente in Stauseen zurückgehalten werden, vertieft sich flussabwärts die Sohle. Auen verlieren den Kontakt zum Fluss, Böden trocknen aus, der Grundwasserspiegel sinkt.

Damit verschwinden wichtige natürliche Funktionen:
– Auen speichern weniger Wasser
– sie filtern schlechter
– die Bodenfruchtbarkeit sinkt
– Hochwasserspitzen nehmen zu
– sehr biodiverse Lebensräume gehen verloren

Der Rückbau von Barrieren bringt Flüsse und Auen wieder zusammen – und stärkt die Landschaft gegen sowohl Dürren als auch Hochwasser.

Eidersperrwerk

5.

Flussmündungen verlieren ihr Schutzschild gegen Meeresspiegelanstieg

Sedimente sind das Baumaterial der Küsten. Barrieren halten sie zurück – mit gravierenden Folgen: Mündungsgebiete verlieren Boden, Schutzfunktionen und ökologische Vielfalt.

Studien, etwa am Elwha River (USA), zeigen eindrucksvoll: Wenn Sedimente wieder frei fließen, erholen sich Küstenfeuchtgebiete und Deltas erstaunlich schnell.

Gleichzeitig dringen durch niedrigere Sommerabflüsse und steigende Meeresspiegel Salzwasserzonen 10–30 % weiter flussaufwärts vor.
Freifließende Flüsse sind die beste natürliche Abwehr.

6.

Stauseen sind versteckte Methanquellen

In vielen Stauseen entsteht unter Sauerstoffmangel Methan – ein extrem starkes Treibhausgas. 5,7 % der weltweiten Methanemissionen stammen aus Stauseen.

Besonders in warmen Regionen Europas werden manche Stauseen zu regelrechten Methan-Hotspots. Klimaneutral sind sie damit oft nicht.

7.

Überflutete Landschaften verlieren ihre Fähigkeit CO₂ zu binden

Wird ein Tal dauerhaft überstaut, gehen Wälder, Böden und Vegetation verloren – natürliche Kohlenstoffsenken mit großer Wirkung. Unter Wasser zersetzt sich organisches Material zudem langsamer und setzt Treibhausgase frei, statt CO₂ langfristig zu speichern.

Werden Barrieren entfernt, ist die Landschaft nicht mehr permanent überschwemmt. Böden können sich erholen, Pflanzen kehren zurück, und Ökosysteme nehmen ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher wieder auf. So entsteht erneut eine natürliche Senke, die aktiv CO₂ bindet und zur Klimastabilisierung beiträgt.

Algenblüte

8.

Barrieren verschlechtern die Wasserqualität

Staubereiche neigen zu:

– Sauerstoffmangel
– erhöhter Nährstoffbelastung
– verstärkter Zersetzung organischer Stoffe
– giftigen Algenblüten

Diese Prozesse gefährden sowohl die Gewässerökologie als auch die Gesundheit von Mensch und Tier – und sie werden durch den Klimawandel weiter verschärft.

Aal
Stoer

9.

Wanderfische und Süßwasserarten geraten massiv unter Druck

Süßwasserlebensräume zählen zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen weltweit. Barrieren zerschneiden Lebensräume, unterbrechen Wanderwege und verschlechtern Laichbedingungen.

Die Bestände wandernder Fischarten – etwa Störe, Aale und Lachse – sind in Europa seit den 1970er-Jahren um rund 75 % eingebrochen.

Klimawandel + Barrieren = ein gefährlicher Doppelstress für bedrohte Arten.

10.

Nur ein Viertel aller Dämme dient überhaupt dem Hochwasserschutz

Viele Barrieren haben keinen oder nur geringen Nutzen für den Hochwasserschutz. Laut ICOLD:

– Nur 8 % der Einzweckdämme
– und 18 % der Mehrzweckdämme

werden tatsächlich für Hochwasserdämpfung genutzt.

Zudem würde wirksamer Schutz voraussetzen, dass vor Regenzeiten Wasserspiegel gezielt abgesenkt werden – bei kleinen Wasserkraftanlagen ist das oft weder möglich noch erlaubt.

Mündung von Loisach in Isar

Jetzt ist die Zeit zu handeln

In Europa blockieren mehr als 1,2 Millionen Barrieren unsere Flüsse – darunter rund 150.000 veraltete Dämme, die oft keinerlei Nutzen mehr haben. Jede entfernte Barriere ist ein Gewinn: für die Sicherheit der Menschen, für eine intakte Natur und für klimaresiliente Gewässer.

Engagement beginnt vor der eigenen Haustür:
Prüfen Sie Barrieren in Ihrer Region, unterstützen Sie lokale Initiativen – und werden Sie Teil der wachsenden Bewegung für frei fließende Flüsse.

Wie Sie selbst aktiv werden können, erfahren Sie auf www.damremoval.eu sowie beim Projekt Fluss.Frei.Raum, das sich in Deutschland dafür einsetzt, ungenutzte Querbauwerke zu identifizieren und Rückbauprozesse voranzubringen: fluss-frei-raum.org

 

Dieser Artikel basiert auf einer Broschüre, die von der World Fish Migration Foundation und dem WWF Niederlande im Rahmen des Projekts „Scaling up dam removal: implementation plan for Southeastern Europe“ erstellt und vom European Open Rivers Programme gefördert wurde: Factsheet-Final.pdf

Die Inhalte wurden für diesen Magazinbeitrag journalistisch aufbereitet.