Ein Bach in Bewegung – Fluss.Frei.Raum startet FLOW-Beprobung im Markt Isen

Teil 1: Erste Schritte an einem Zufluss der Isen – Wie eine Gemeinde ihre Flüsse lebendiger macht

FLOW Beprobung

Wie eine Gemeinde ihre Flüsse lebendiger macht

Stillgelegte Wehre, begradigte Bachläufe, fehlende Durchgängigkeit: Viele Fließgewässer in Bayern sind in keinem guten ökologischen Zustand. Doch es tut sich was – etwa im Markt Isen im Landkreis Erding. Dort hat die Gemeinde selbst den Impuls gesetzt, aktiv zu werden – mit dem Wunsch, ihren Bach ökologisch aufzuwerten und neue Wege in der naturnahen Gewässerentwicklung und -unterhaltung zu gehen.

Auf der Suche nach fachlicher Begleitung wandte sich der Markt Isen an das Fluss.Frei.Raum Projekt. Dieses engagiert sich bayernweit für lebendige Gewässer, die Wiederherstellung natürlicher Flussläufe und die Beseitigung von Barrieren – mit dem Ziel, Natur zu stärken und gleichzeitig die Lebensqualität der Menschen vor Ort zu erhöhen.

Fluss Frei Raum Projekt
Fluss-Frei-Raum-Team

Der Auftakt der Zusammenarbeit ist eine Gewässerbeprobung im Rahmen des Citizen-Science-Projekts FLOW. Dabei werden mit wissenschaftlich erprobten Methoden Daten zur ökologischen Qualität des Bachs erhoben – als wichtige Grundlage für zukünftige Schritte und Maßnahmen zur ökologischen Verbesserung.

Im Gespräch mit Martin Baumgartner vom Markt Isen wird deutlich: Hier geht es nicht nur um fachliche Pflichten – sondern um Leidenschaft, Überzeugung und den Mut, einfach anzufangen.

Martin Baumgartner

Interview mit Martin Baumgartner, Gemeinde Markt Isen

Herr Baumgartner, wie kam es dazu, dass sich Markt Isen mit dem Thema Gewässerdurchgängigkeit beschäftigt?

Es gab bei uns mehrere Anknüpfungspunkte. Einer ist die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die alle Mitgliedstaaten verpflichtet, ihre Gewässer bis 2027 in einen „guten ökologischen Zustand“ zu bringen. Das betrifft also auch unsere Gemeinde.
Außerdem haben wir ein Querbauwerk in unserem Bach – direkt daneben verläuft eine Trinkwasserleitung. Wir wussten: Hier müssen wir ran, wenn wir etwas verbessern wollen.

Auf das Projekt Fluss.Frei.Raum sind wir über die Mitgliederzeitschrift des Landesfischereiverbands aufmerksam geworden und haben direkt Kontakt mit dem Team aufgenommen. Kurz darauf haben wir an einer Veranstaltung der Gewässernachbarschaft teilgenommen. Besonders beeindruckt hat uns der Vortrag von Georg Hermannsdorfer über ingenieurbiologische Maßnahmen – naturnahe Bauweisen mit Pflanzen, Wurzelwerk und Naturmaterialien. Die Inhalte waren nicht nur fachlich fundiert, sondern auch inspirierend und praxisnah vermittelt.

Was diesen Tag aber wirklich besonders gemacht hat: Im Anschluss sind wir gemeinsam an ein nahegelegenes Gewässer gegangen und konnten die vorgestellten Maßnahmen direkt vor Ort erleben, begutachten und diskutieren. Dieses unmittelbare Zusammenspiel von Theorie und Praxis hat bei uns den Funken überspringen lassen – und den Entschluss gefestigt, selbst aktiv zu werden.

 

Was motiviert Sie persönlich, sich so für das Thema zu engagieren?

Ich bin mit Bächen aufgewachsen – das Wasser gehört einfach zu meinem Leben. Seit über 20 Jahren bin ich leidenschaftlicher Fischer, und da bekommt man nochmal einen ganz anderen Blick auf Gewässer, ihre Lebendigkeit und auch ihre Probleme.
Für mich ist klar: Jetzt ist die Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Wir können nicht mehr warten – wir müssen handeln, wenn wir unsere Natur erhalten wollen.

Fluss Frei Raum- Martin Baumgartner

Wo liegen die Herausforderungen – und wie lassen sie sich meistern?

Die größte Herausforderung ist oft die Abstimmung – aber genau da haben wir eine ausgesprochen gute Ausgangslage. Die Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt ist vertrauensvoll, konstruktiv und lösungsorientiert. Gleichzeitig besteht eine enge Abstimmung mit dem Landratsamt und den Pächtern vor Ort.

Diese gut verzahnte Kommunikation ermöglicht kurze Entscheidungswege und verhindert langwierige, bürokratische Prozesse. Hinzu kommt: Dank der Unterstützung des Projektteams fallen auch keine aufwendigen Planungskosten an.

Das zeigt: Wenn alle an einem Ziel arbeiten, entsteht Tempo, Klarheit – und echte Veränderung.

 

 Welche Bedeutung haben Bäche und Flüsse für Ihre Gemeinde?

Unsere Bäche prägen die Landschaft – und den Alltag der Menschen hier. Wander- und Radwege führen an den Gewässern entlang, viele genießen diese naturnahen Räume. Beispielsweise am Seniorenzentrum, wo wir im Rahmen einer ökologischen Ausgleichsmaßnahme den Zugang zum Wasser ermöglichen konnten. Da entstehen echte Begegnungsorte – zwischen Menschen und Natur.

Ich bin sehr gespannt, was die FLOW-Beprobung ergibt. Die Ergebnisse helfen uns, den Bach besser zu verstehen – und ihn gezielt zu verbessern.

Fluss Frei Raum- Martin Baumgartner

Wie geht es konkret weiter?

Im Herbst wollen wir gemeinsam mit dem Fluss.Frei.Raum-Team erste Maßnahmen umsetzen – etwa naturnahe Uferbefestigungen und Durchgängigkeitslösungen. Auch unser Bauhof ist mit an Bord.

Es wird nicht bei einer Einzelmaßnahme bleiben – unser Bach hat Potenzial, und wir möchten dieses Stück für Stück entfalten.

 

Was möchten Sie anderen Gemeinden mitgeben?

Gehen Sie den ersten Schritt – aber gehen Sie ihn nicht allein. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einem starken Netzwerk und einem gemeinsamen Zielverständnis. Alle Beteiligten – von der Verwaltung über Fachbehörden, Landwirte, Fischereiverbände bis hin zu weiteren Nutzergruppen – müssen bereit sein, aufeinander zuzugehen, Kompromisse einzugehen und Verantwortung zu übernehmen.

Nur wenn alle an einem Strang ziehen, können Projekte dieser Art gelingen – ohne lähmende Abstimmungsschleifen oder gegenseitige Blockaden. Es braucht Vertrauen, Offenheit und vor allem ein echtes Commitment für die Sache: für lebendige, naturnahe Gewässer, für den Schutz unserer natürlichen Ressourcen und für die Zukunft unserer Gemeinden.

Wenn alle bereit sind, ein Stück mitzugehen, kann gemeinsam Großes bewegt werden.

Fluss Frei Raum-Team

Ein Blick in die Praxis: FLOW-Beprobung vor Ort

Wie wird der Zustand eines Baches eigentlich untersucht? Bei der FLOW-Beprobung in Markt Isen war das Fluss.Frei.Raum-Team im Einsatz, um den Zufluss der Isen systematisch unter die Lupe zu nehmen – mit wissenschaftlich erprobten Methoden und echtem Forschergeist.

In mehreren Arbeitsschritten wurden dabei unterschiedliche Aspekte des Gewässers erfasst:

  1. Struktur und Morphologie: Wie verlaufen Bachbett, Ufer und Sohle – natürlich oder begradigt?
  2. Chemisch-physikalische Parameter: Wie steht es um Nitrat- und Phosphatgehalte, Temperatur und Fließgeschwindigkeit?
  3. Makrozoobenthos-Analyse: Welche Kleinstlebewesen wie Bachflohkrebse, Eintagsfliegenlarven oder Wasserschnecken sind im Wasser zu finden – und was verrät ihre Zusammensetzung über die ökologische Qualität?

Alle gesammelten Daten fließen in ökologische Studien ein, um das Verständnis und Monitoring von kleinen Fließgewässern in Deutschland weiter zu verbessern – und um Gemeinden wie Markt Isen eine belastbare Grundlage für die nächsten Schritte in der naturnahen Gewässerentwicklung zu bieten.

Wie ist die Gewässerstrukturgüte u.a. Gewässerverlauf, Uferstruktur, Gewässersohle, Strömungsbild, umgebende Landnutzung ausgeprägt?

Fluss Frei Raum-Team

Chemisch-physikalische Parameter: Erfassung der Fließgeschwindigkeit

Fließgeschwindigkeit des Baches ermitteln
Fließgeschwindigkeit ermitteln

Chemisch-physikalische Parameter: Erfassung der Wassertemperatur

Erfassung der Wassertemperatur
Erfassung der Wassertemperatur

Chemisch-physikalische Parameter: Erfassung von Nitrat- und Phosphatgehalt

Nitrat- und Phosphatgehalte
Nitrat- und Phosphatgehalte
Nitrat- und Phosphatgehalte

Probeentnahme für die Makrozoobenthos-Analyse

Im Bach
Fluss Frei Raum-Team
Mit Kescher im Bach
Mit Kescher im Bach

Makrozoobenthos-Analyse: Welche Kleinstlebewesen wie Bachflohkrebse, Eintagsfliegenlarven oder Wasserschnecken sind im Wasser zu finden?

Makrozoobenthos Bestimmung
Fluss Frei Raum-Team
Makrozoobenthos Bestimmung
Makrozoobenthos Bestimmung

Trichoptera - Rhyacophilidae

Makrozoobenthos Bestimmung

Ephemeroptera - Baetis sp.

Makrozoobenthos Bestimmung

Zygoptera - Calopteryx virgo

Makrozoobenthos

Diptera - Eloeophila sp.

Makrozoobenthos

Trichoptera - Limnephilidae1

Neugierig geworden?

Sie möchten auch etwas für Ihre Gemeinde und ihre Gewässer tun? Dann kontaktieren Sie unser Team und erfahren Sie mehr über unsere Unterstützungsmöglichkeiten:
🔗 Rückbauten umsetzen – Überblick – Fluss.Frei.Raum

Oder sind Sie schon aktiv und möchten Ihre Erfahrungen teilen? Wir freuen uns über Austausch, Vernetzung und neue Partnerschaften.

Fortsetzung folgt…

Das war der Auftakt im Markt Isen. In Teil 2, der in ein paar Monaten erscheint, berichten wir über die nächsten Entscheidungen der Gemeinde, die weiteren Planungen und die konkrete Umsetzung der ingenieurbiologischen Maßnahmen im Herbst.

Dranbleiben lohnt sich – für lebendige, frei fließende Bäche und Flüsse, für unsere Natur und für lebenswerte Gemeinden.