Fluss.Frei.Raum zu Gast bei der Fischerjugend
Wie lassen sich unsere Bäche und Flüsse wieder zu lebendigen Lebensräumen entwickeln? Dieser Frage widmete sich ein zweitägiges Seminar der Fischerjugend am Prunner Bach. Mit dabei: das Projekt Fluss.Frei.Raum, das sich für die Wiederherstellung natürlicher Gewässerstrukturen und die Entfernung von Barrieren einsetzt.
Die Schulung verband pädagogischen Input und fachlichen Austausch im Seminarraum mit praktischer Arbeit am Gewässer. Ziel war es, Wissen über Gewässerökologie zu vermitteln, Zusammenhänge zu verstehen – und konkrete Maßnahmen direkt vor Ort umzusetzen. Die Teilnehmenden waren Jugendgruppenleiterinnen und Jugendgruppenleiter, engagierte Fischerinnen und Fischer sowie Wasser-Interessierte, die das Erlernte unmittelbar praxisnah anwenden konnten.
Fluss.Frei.Raum: Mehr Raum für lebendige Gewässer
WWF-Expertin Doreen Detzner stellte das Projekt Fluss.Frei.Raum vor. Im Mittelpunkt steht eine zentrale Frage: Wie können Bäche und Flüsse wieder mehr Raum bekommen – für natürliche Dynamik, wandernde Fischarten und vielfältige Lebensräume?
Viele Gewässer sind heute stark verändert: Querbauwerke, Verbauungen oder monotone Strukturen unterbrechen natürliche Prozesse. Projekte wie Fluss.Frei.Raum setzen genau hier an. Sie zeigen Wege auf, wie Barrieren reduziert und Gewässer ökologisch aufgewertet werden können – oft durch vergleichsweise einfache Maßnahmen vor Ort.
Besonders wertvoll ist dabei der Austausch mit Engagierten aus der Praxis. Seminare wie dieses bieten die Gelegenheit, Wissen zu teilen und neue Impulse für den Gewässerschutz mitzunehmen.
Gewässer verstehen: Grundlagen der Gewässerökologie
Bevor es ans Wasser ging, stand zunächst das Verständnis der natürlichen Prozesse im Mittelpunkt. Gewässerexpertin Katharina Amann vom Landesfischereiverband Bayern und dem Fluss.Frei.Raum-Projekt vermittelte die Grundlagen der Gewässerökologie: Warum Kiesbänke, Strömungswechsel oder Beschattung so wichtig für Fische und andere Wasserorganismen sind und welche Rolle Temperatur, Strömung und Strukturvielfalt für funktionierende Lebensräume spielen.
Hier setzt auch das FLOW-Projekt an: Fließgewässer erforschen, gemeinsam Wissen schaffen und das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedeutung und den Schutz von Fließgewässern stärken. Mit praxisnahen Schulungen, ansprechendem Lernmaterial und Erfahrungsaustausch zwischen Teilnehmenden und Fachleuten werden Wissen und Fähigkeiten für das Fließgewässermonitoring gefördert.
Nur wer versteht, wie ein Gewässer funktioniert, kann es nachhaltig verbessern.
Ulrich Menacher, Flussmeister vom Wasserwirtschaftsamt Landshut
„Die Natur sperrt sich selbst nicht aus“ – Rechtlicher Rahmen & Gewässerunterhalt
Ulrich Menacher, Flussmeister vom Wasserwirtschaftsamt Landshut informierte die Teilnehmenden über die rechtlichen Grundlagen des Gewässerunterhalts: Zuständigkeiten, Rechte, Pflichten und Möglichkeiten für den Schutz und die Pflege von Bächen und Flüssen.
Besondere Schwerpunkte waren:
- Rechte und Pflichten im Gewässerunterhalt
- Bedeutung von Bäumen und Totholz für ein funktionierendes Ökosystem
- Rolle des Bibers und Schutzmaßnahmen für Bäume
Das Zitat „Die Natur sperrt sich selbst nicht aus“ unterstreicht die zentrale Botschaft: Gewässer entwickeln sich am besten, wenn Mensch und Natur im Einklang handeln.
Dominik v. Hunoltstein und Katharina Amann vom Landesfischerverband Bayern
Interview mit Dominik v. Hunoltstein und Katharina Amann
- Warum haben Sie das Projekt „Fluss.Frei.Raum“ in die Schulung eingebunden?
Dominik v. Hunoltstein: Neben dem pädagogischen Fokus konnten wir so einen fachlich fundierten Theorie- und Praxisteil ins Seminar bringen. Viele Maßnahmen des Projekts sind mit unserem Nachwuchs gut umsetzbar. Letztlich geht es um die konkrete Verbesserung des Ökosystems Gewässer und ein nachhaltiges Bewusstsein dafür, wofür wir gemeinsam stehen. Dass daraus so ein tolles Seminar entstanden ist, ist ein großer Erfolg.
- Welche Auswirkungen haben Barrieren in Bächen auf Fische?
Katharina Amann: Fische sind auf Wanderung angewiesen, um verschiedene Lebensräume zu erreichen. Können sie diese nicht erreichen, reduzieren sich Bestände, die genetische Vielfalt nimmt ab und die Tiere werden anfälliger für Umweltstress oder Prädation.
- Was nehmen die Teilnehmenden aus der Schulung mit?
Dominik v. Hunoltstein: Sie erhalten biologische Fakten zum Ökosystem Gewässer, einen Blick auf die Auswirkungen menschlicher Eingriffe und praxisnahe Tipps, wie sie Maßnahmen mit ihren Jugendgruppen umsetzen können. Auch pädagogische Aspekte, Vorbereitung, Notfallmanagement und Aufsichtspflicht werden behandelt. Insgesamt war das Wochenende sehr rund und hat den Jugendleitungen viele Optionen für eigene Projekte gegeben.
- Warum ist es wichtig, dass junge Menschen früh lernen, wie Gewässer funktionieren?
Dominik v. Hunoltstein: Das Bewusstsein für das Ökosystem Gewässer kann gar nicht früh genug wachsen. Viele wissen nicht, was unter der Wasseroberfläche passiert. Je mehr Wissen vorhanden ist, desto eher können Verbesserungen umgesetzt werden. Unser Nachwuchs hat das Potenzial, dieses Bewusstsein nachhaltig zu leben und weiterzugeben.
Gemeinsam für lebendige Gewässer: Teilnehmende, Referierende und Organisatoren der Fischerjugend-Schulung am Prunner Bach
Wie Engagement ganz konkret aussehen kann, zeigte Peter Möhrle vom Landesfischereiverband Bayern am Beispiel der Bachpatenschaften.
Bachpatenschaften – Engagement für unsere Gewässer
Was sind Bachpaten?
Bachpaten sind aktive Menschen, die sich neugierig und verantwortungsvoll auf das Abenteuer „Gewässerschutz“ einlassen. Sie übernehmen ehrenamtlich eine Patenschaft für einen Bach oder einen Bachabschnitt.
Wer kann Bachpate werden?
Jeder, den das Thema Wasser fasziniert, kann Bachpate werden – als Einzelperson oder als Gemeinschaft. Ideal geeignet sind Schulen, Kindergärten, Naturschutzverbände, Fischereivereine, Sportvereine, Arbeitsgemeinschaften oder Heimatvereine. Je mehr mitmachen, desto besser.
Wie wird man Bachpate?
Bachpaten schließen einen Vertrag mit dem Unterhaltungspflichtigen. Abhängig von der Gewässerordnung kann dies die Gemeinde oder der Staat sein.
Warum sind Bachpaten so wichtig?
Bachpaten setzen sich für die ökologische Verbesserung eines Gewässers ein, fördern dessen naturnahe Entwicklung und verstehen sich als „Lobby“ für das Gewässer. Sie schützen es vor Missbrauch und tragen dazu bei, das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung zu stärken.
Ihre Aufgaben und Wirkungen:
- Unterstützung des Unterhaltungspflichtigen
- Initiierung von Veränderungen
- Handeln am und für den Bach
- Vorbildfunktion durch umweltbewusstes Verhalten
- Förderung des Umweltbewusstseins in der Bevölkerung
Nachmittag 1 – Praxis am Prunner Bach
Nach dem theoretischen Vormittag verlagerten sich die Teilnehmenden am Nachmittag nach draußen – direkt ans Wasser. Das FLOW-Projekt wurde vor Ort praktisch umgesetzt: Jede Maßnahme wurde sichtbar und greifbar. Die Teams packten mit an, diskutierten, probierten aus und erlebten die Wirkung ihres Tuns unmittelbar.
Die Bilder sprechen für sich: Hände im Wasser, Gruppen am Bachufer, Makrozoobenthos-Bestimmung und chemische Auswertungen – mit großem Einsatz, viel Neugier und sichtbarer Freude am gemeinsamen Forschen im Bach.
Interview mit Lisa Sieber von der Unteren Naturschutzbehörde
- Frau Sieber, was macht den Prunner Bach aus naturschutzfachlicher Sicht besonders?
Der Prunner Bach ist besonders, da er aus einer Karstquelle entspringt und Arten wie der Bachforelle und der Wasseramsel einen Lebensraum bietet. - Welche Rolle spielen strukturverbessernde Maßnahmen wie Kiesbett-Auflockerung oder Beschattung für das Ökosystem?
Eine Kiesbett-Auflockerung wirkt der Verdichtung und Verschlämmung entgegen. Im lockeren Kiesmaterial entstehen Zwischenräume, die als Lebensraum und Rückzugsort für viele kleine Wasserlebewesen dienen. Auch Fische wie Forellen benötigen lockeres Kiesmaterial, um ihre Eier abzulegen. Durch die Maßnahme werden somit Laichplätze wiederhergestellt. Beschattung führt zudem zu niedrigeren Wassertemperaturen. Kühleres Wasser kann mehr Sauerstoff speichern, den Fische und andere Wasserlebewesen für ihre Atmung benötigen. Gleichzeitig wird das übermäßige Wachstum von Wasserpflanzen und Algen reduziert. - Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen Naturschutzbehörde und Fischerjugend?
Für mich war es der erste Kontakt mit der Fischerjugend. Ich empfand es als eine sehr gute Zusammenarbeit und ein schönes Miteinander. - Was wünschen Sie sich für die Zukunft kleiner Gewässer wie des Prunner Bachs?
Ich wünsche mir, dass kleine Gewässer naturnah bleiben oder durch geeignete Maßnahmen wieder naturnah gestaltet werden und weiterhin einer Vielzahl heimischer Arten Lebensraum bieten.
Nachmittag 2 – Praxis am Prunner Bach
Am zweiten Seminartag stand erneut der Bach im Mittelpunkt:
- Umsetzung einer ingenieurbiologischen Maßnahme
- Informationen zu Bibern und Wasseramseln
- Anbringen von Nistkästen für die Wasseramsel
- Pflanzen von Bäumen
- Bau von Biberschutzmaßnahmen mit geeignetem Material und Befestigung
So konnten die Teilnehmenden ihr Wissen vertiefen und gleichzeitig aktiv Lebensräume verbessern.
Teamwork macht den Unterschied
Die Schulung zeigte eindrucksvoll, wie wertvoll Zusammenarbeit ist: Wasserwirtschaftsamt, Naturschutz und Fischerjugend ziehen am gleichen Strang. Theorie und Praxis, pädagogische Maßnahmen, Naturschutz und Fischerei – hier passte alles zusammen.
Projekte wie Fluss.Frei.Raum leben genau von diesem Engagement: Menschen, die Verantwortung übernehmen und gemeinsam an lebendigen Gewässern arbeiten.
Dank an Gastgeber und Organisatoren
Ein besonderer Dank geht an Dominik von Hunoltstein, der die Schulung organisiert und begleitet hat.
Ebenso herzlich bedanken wir uns beim Team des Altmühl-Fischereivereins Riedenburg rund um Gerald Machnitzke. Eine solche Gastfreundschaft und Unterstützung vor Ort ist ein großes Geschenk – und wirklich etwas ganz Besonderes.
👉 Hier geht es zum Bericht der Fischerjugend:
https://fischer-jugend.de/aktuelles/geforscht-verstanden-verbessert-9301.html