Fluss.Frei.Raum zu Besuch bei …
Zum Auftakt unserer neuen Reportage-Serie begleiten wir Rangerin Kerstin einen Tag lang durch den Naturpark Haßberge. Gemeinsam entdecken wir eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, erfahren mehr über ihre Gewässer und begegnen Menschen, die sich mit Leidenschaft für ihren Schutz einsetzen.
Wo Wasser fehlt
Unsere Tour beginnt in Schweinshaupten.
Gemeinsam mit Rangerin Kerstin laufen wir durch den Ort, vorbei an Fachwerkhäusern und einer ehemaligen Mühle. Wenige Schritte später bleiben wir stehen. Vor uns liegt ein Mühlgraben.
Dort, wo früher Wasser floss, wächst heute dichtes Grün. Das Bachbett ist vollständig trocken. Nur seine Form erinnert daran, dass hier einst ein Gewässer verlief.
„Wir haben ein Wasserproblem“, sagt Kerstin.
Mehr braucht es nicht, um zu verstehen, wie sehr sich unsere Landschaft verändert.
Wir verlassen den Ort und folgen einem Feldweg in die sanft hügelige Landschaft des Naturparks Haßberge. Felder und Wälder wechseln sich ab, Vogelstimmen begleiten unseren Weg.
Vi, vi, vie, viep… wie, wie hab ich dich lieb!“
Kerstin bleibt stehen und lächelt.
„Das ist die Goldammer.“
Wenig später zieht hoch über einem Feld ein Rotmilan seine Kreise.
Dann erklingt ein lang anhaltendes Zirpen aus dem hohen Gras.
„Das ist ein Feldschwirrl“, erklärt Kerstin und richtet den Blick auf den bewachsenen Wiesenrand. Der Vogel hält sich gut versteckt und ist meist eher zu hören als zu sehen.
Mit Kerstin unterwegs zu sein heißt, genauer hinzusehen. Immer wieder macht sie auf Tiere und Pflanzen aufmerksam.
Eine Kulturlandschaft voller Leben
Der Naturpark Haßberge erstreckt sich zwischen Haßfurt, der thüringischen Landesgrenze, der Grenze zum Landkreis Coburg und dem Main. Mit rund 80.400 Hektar zählt er zu den kleineren Naturparken Bayerns. Wälder, Felder, Feuchtwiesen, Trockenrasen, Weinberge, Streuobstwiesen sowie zahlreiche Burgen und Ruinen prägen die abwechslungsreiche Kulturlandschaft. Wegen ihrer sanften Hügel wird die Region auch als „Fränkische Toskana“ bezeichnet.
„Was viele nicht wissen“, sagt Kerstin, „eine Kulturlandschaft ist vom Menschen geschaffen. Gerade dadurch ist hier eine außergewöhnliche Vielfalt an Lebensräumen entstanden.“
Seit Januar 2026 arbeitet sie als Rangerin und Naturparkbotschafterin (seit 2022) im Naturpark Haßberge. Ihr Schwerpunkt liegt in der Umweltbildung. Sie begleitet Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Exkursionen, hilft bei der Betreuung einer Junior-Ranger-Gruppe, unterstützt eine Naturparkschule sowie Vereine und unterstützt bei der Pflege von Wanderwegen, Beschilderungen, Steinbrüchen und Streuobstwiesen.
Besonders am Herzen liegen ihr die Vögel – und die Freude daran, ihre Begeisterung für die Natur weiterzugeben.
An der Baunach
Unser Weg führt weiter zur Baunach. Eine Informationstafel zeigt den Verlauf des Flusses und erinnert an die zahlreichen Mühlen, die das Gewässer einst prägten.
Ein schmaler Pfad führt hinunter ans Wasser. Zwischen mehreren Gräben entdecken wir ein altes Wiesenwässerwehr.
Früher wurde es genutzt, um umliegende Wiesen zu bewässern. Heute erfüllt es diese Funktion nicht mehr. Gleichzeitig verändert ein solches Bauwerk den natürlichen Lebensraum eines Fließgewässers: Es beeinflusst den Sedimenttransport, die Fließgeschwindigkeit und die Wassertemperatur.
Ein Bauwerk, das einst sinnvoll war, wird heute aus einer anderen Perspektive betrachtet.
Der Gewöhnliche Natternkopf
Am Wegesrand bleibt Kerstin erneut stehen. Zwischen den Gräsern leuchten die rosa-blauen Blüten des Gewöhnlichen Natternkopfs.
Seinen Namen verdankt die Pflanze vermutlich den langen Staubgefäßen, die an eine Schlangenzunge erinnern.
Doch ihre eigentliche Besonderheit liegt in den Blütenfarben: Anfangs blüht der Natternkopf rosa und bietet besonders viel Nektar. Später verfärben sich die Blüten blau – ein Signal für Insekten, dass hier kaum noch Nahrung zu finden ist.
Rund 40 Wildbienenarten nutzen den Gewöhnlichen Natternkopf als Nahrungsquelle. Hinzu kommen zahlreiche Schwebfliegen und Schmetterlinge.
Dem Biber auf der Spur
Wir verlassen die Baunach und fahren zu unserem nächsten Treffpunkt. Dort wartet Wolfgang Lappe auf uns. Als Biberberater begleitet er die Rückkehr des Bibers in der Region seit vielen Jahren.
Gemeinsam laufen wir zu einem Mühlbach. Schon nach wenigen Metern wird klar, warum wir hier sind.
Hier hat der Biber einen mächtigen Damm gebaut.
Der ehemalige Berufssoldat engagiert sich seit rund 25 Jahren in der Naturschutzwacht Bayern. Als der Biber 2003 in der Region angekommen ist, begann auch seine intensive Beschäftigung mit der Art.
„Damals hat sich der Biber zunächst entlang der Bäche und Flüsse ausgebreitet“, erzählt er. „Probleme entstanden erst später, als durch die zunehmende Wasserknappheit auch Gräben, Mühlbäche sowie angelegte Fisch- und Hobbyteiche für ihn interessant wurden.“
Der Biber gestaltet seinen Lebensraum nach seinen Bedürfnissen. Genau dort entstehen häufig Konflikte zwischen Natur- und Nutzungsinteressen.
„Meine Aufgabe ist es, aufzuklären, zu beraten und Konflikte möglichst früh zu entschärfen“, erklärt Wolfgang Lappe. „Manchmal gehören auch Präventionsmaßnahmen oder in Ausnahmefällen Entnahmen dazu.“
Eine Aufgabe, die Fachwissen, Erfahrung und viel Fingerspitzengefühl verlangt.
Ein Baumeister mit erstaunlicher Wirkung
Wir bleiben vor dem Biberdamm stehen. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, erfüllt wichtige Funktionen für den Naturhaushalt.
Biberdämme halten Wasser länger in der Landschaft, stabilisieren den Grundwasserspiegel, filtern Nähr- und Schadstoffe und schaffen neue Lebensräume. Es entstehen Teiche, Feuchtflächen und Röhrichte, die schon nach kurzer Zeit von Fröschen, Kröten, Libellen und zahlreichen weiteren Arten besiedelt werden.
„Gebt dem Biber Lebensraum und schafft Biotope“, sagt Wolfgang Lappe.
Wo der Biber ausreichend Platz hat, profitieren viele andere Arten mit ihm.
„In der Natur hängt alles zusammen.“
Ein Satz, der an diesem Tag immer wieder Bedeutung gewinnt.
Biberdamm oder Betondamm?
Direkt vor Ort wird der Unterschied sichtbar.
Ein Biberdamm besteht aus Ästen, Schilf, Steinen und weiteren natürlichen Materialien. Er ist durchlässig, verändert sich ständig und bleibt meist nur einige Jahre bestehen. Hochwasser können ihn wieder abtragen – an anderer Stelle entstehen neue Dämme. Das Gewässer bleibt in Bewegung.
Ein Betondamm verfolgt dagegen einen anderen Zweck. Er ist dauerhaft angelegt und unterbricht ohne zusätzliche Bauwerke wie Fischtreppen die natürliche Durchgängigkeit eines Flusses. Zudem verändert er Strömung, Lebensräume und den Transport von Sedimenten langfristig.
Beide Bauwerke halten Wasser zurück – ihre Auswirkungen auf die Natur unterscheiden sich jedoch grundlegend.
Ein kurzer Sommer über dem Wasser
Während wir noch am Bach stehen, fällt ein schimmerndes Blau ins Auge. Mehrere Libellen fliegen dicht über der Wasseroberfläche.
„Das sind Blauflügel-Prachtlibellen“, erklärt Kerstin. Die leuchtend blauen Tiere sind die Männchen, die Weibchen sind deutlich unauffälliger in braun gefärbt.
Die Art lebt an kühlen, schnell fließenden und möglichst naturnahen Bächen.
Den größten Teil ihres Lebens verbringen die Tiere allerdings unter Wasser. Dort entwickeln sich ihre Larven ein bis zwei Jahre lang und jagen Kleinkrebse, Würmer und andere Insektenlarven.
Als ausgewachsene Libelle lebt die Blauflügel-Prachtlibelle dagegen nur etwa 30 bis 50 Tage.
Ein kurzer Sommer über dem Wasser – nach einer langen Zeit darunter.
Ein Blick unter die Wasseroberfläche
Unsere letzte Station führt uns nach Pfarrweisach. Hier mündet die Weisach in die Baunach. Vom Aussichtsturm fällt der Blick auf den Zusammenfluss der beiden Gewässer. Informationstafeln erzählen von Bibern, Flüssen und den Lebensräumen am Wasser.
Doch jetzt bleiben wir nicht am Ufer stehen.
Wir wollen wissen, was sich unter der Wasseroberfläche verbirgt.
Kescher statt Fernglas.
Wathose statt Wanderschuhe.
Gemeinsam steigen wir ins Wasser.
Dem Bach auf den Grund gehen
Was zunächst nach einer einfachen Bachbegehung aussieht, ist Teil einer wissenschaftlich anerkannten Methode zur Gewässerbewertung.
Gemeinsam untersuchen wir die Lebensgemeinschaft des sogenannten Makrozoobenthos – also jener wirbellosen Tiere, die am Gewässergrund leben und mit bloßem Auge erkennbar sind. Dazu gehören unter anderem Insektenlarven, Bachflohkrebse, Schnecken, Muscheln oder Würmer.
Sie verraten viel über den Zustand eines Fließgewässers.
Schon nach kurzer Zeit entdecken wir die ersten Bachflohkrebse sowie Libellenlarven.
Beides sind gute Zeichen.
Sie weisen darauf hin, dass das Gewässer einen wertvollen Lebensraum bietet.
Ein besonderer Ort
Nach der Beprobung kehrt Ruhe ein.
Wir steigen aus dem Wasser und blicken noch einmal über den Zusammenfluss von Weisach und Baunach.
Hier wird sichtbar, wie vielfältig und lebendig unsere Fließgewässer sein können, wenn sie Raum bekommen. Zwischen Wasser, Ufer und Auen entsteht ein Lebensraum, in dem unzählige Tier- und Pflanzenarten miteinander verbunden sind.
Ein Ort, der zeigt, wie eng Natur und Wasser zusammengehören.
Eine Schwalbe als Erinnerung
Bevor wir uns verabschieden, holt Kerstin noch eine kleine Überraschung hervor.
Sie überreicht mir eine gefaltete Schwalbe aus Papier.
Die Schwalbe gehört zu den Arten, die Kerstin besonders am Herzen liegen. Sie steht für Bewegung, für den Wechsel der Jahreszeiten und für eine lebendige Kulturlandschaft.
Während wir die Heimreise antreten, begleitet uns nicht nur die kleine Schwalbe.
Es sind die Begegnungen, die bleiben: der trockene Mühlgraben in Schweinshaupten, die Goldammer am Wegesrand, der Feldschwirrl im hohen Gras, der Biberdamm im Mühlbach und die verborgene Welt unter der Wasseroberfläche.
Vor allem aber bleiben Menschen wie Kerstin und Wolfgang in Erinnerung. Menschen, die mit Wissen, Begeisterung und großem Engagement zeigen, wie wertvoll unsere Bäche und Flüsse sind.
Danke Wolfgang, danke Kerstin, und danke an den Naturpark Haßberge, für die Einblicke in einen Lebensraum, der oft direkt vor unserer Haustür beginnt.
Mehr über die Arbeit der Rangerinnen und Ranger sowie die vielfältige Natur der Haßberge erfahren Sie auf der Website des Naturparks Haßberge: